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Fundstücke & Informationen aus dem Kreisarchiv

APRIL 2015 - Erster Landrat nach dem Krieg im Kreis Mühlhausen

Der Zweite Weltkrieg wirbelte Lebensläufe durcheinander. Auf den totalen Krieg folgte eine totale Niederlage. Nicht nur das Land war verwüstet. Auch die Gesellschaft war zusammengebrochen.

Die Befreier mussten eine neue Verwaltung aufzubauen. Kreise, Städte und Gemeinden sollten mit neuen Leuten organisiert und verwaltet werden. Das konnten die Besatzungstruppen allein nicht übernehmen. Unsere Region wurde Anfang April1945 von den Amerikanern befreit. Zwischen dem 1. und 3. Juli 1945 wurde Thüringen an die Sowjetarmee übergeben. Am 7. Juli war die Übernahme vollzogen.

Die Landräte und Bürgermeister der Stunde Null wurden eingesetzt. Es fanden keine Wahlen statt. Die amerikanischen und später die sowjetischen Kommandeure suchten Persönlichkeiten, die möglichst keine Nazis waren. Kurz nach dem Sieg hatten zuständigen Offiziere der Siegermächte keine Zeit, lange zu forschen und zu recherchieren, wer wann in welchem Maße Nazi war. Deshalb setzten sie Menschen ein als Landräte und Bürgermeister, die unter den Nazis zu leiden hatten und deshalb nicht deren Anhänger gewesen sein konnten. Ob die eingesetzten Personen ihrer Aufgabe gewachsen waren, das zeigte die Praxis.

August Hugo HaaseDer erste Landrat des Kreises Mühlhausen nach dem Krieg war August Hugo Haase. Er wurde 1887 in Mühlhausen geboren und starb am 1950 in seiner Heimatstadt. Landrat war er vom 9. April bis 14. April 1945 und vom 12. August 1945 bis zum 18. Dezember 1948, insgesamt fast dreieinhalb Jahre lang.

Haase hatte nach der Schule eine Ausbildung als Lehrer begonnen. Die musste er abbrechen als sein Vater starb und die Mutter die Ausbildung nicht mehr finanzieren konnte. Er arbeitete in Verlagen und Behörden. Im ersten Weltkrieg war Haase Armierungssoldat. Das heißt, er nahm nicht an Gefechten teil, sondern errichtete militärische Bauwerke. Mit zwanzig Jahren, 1907, folgte der Eintritt in die SPD. Im Auftrag dieser Partei betreute er beruflich Arbeiter, wenn diese vor Gericht standen wegen sozialen, gewerkschaftlichen und politischen Angelegenheiten. Im Jahr 1910 trat Haase aus der Kirche aus. Sie stand ihm zu nah am „kaiserlichem System", wie er es nannte. Von 1918 bis 1933 führte Haase die SPD-Fraktion im Mühlhäuser Stadtrat. Was dann passierte, erzählt er selbst so:

„Am 2.5.1933 wurde ich von der NSBO (1) und der SA gewaltsam aus meiner Stellung [als SPD-Fraktionsvorsitzender] entfernt und dabei so zugerichtet, daß ich dauernd Invalide wurde. Bis 1935 war ich haftunfähig. In den folgenden Jahren ging ich alle Stadien polizeipolitischer und politischer Schikanen durch, in die auch meine Frau einbegriffen wurde. Im August 1944 musste ich trotz Krankheit nach Buchenwald, am 2.9.1944 wieder entlassen. Unter der Anklage des Hörens fremder Sender, der Zersetzung der Wehrmacht usw. erfolgte am 17.10.1944 erneute Inhaftierung, aus der meine Frau erst nach Ankunft der Amerikaner erlöst wurde, während ich am 27.12.1944 infolge Haftunfähigkeit als Todeskandidat entlassen wurde." (2)

Mit „zugerichtet" umschreibt Haase, dass er über ein Jahr lang Bett und Zimmer nicht verlassen konnte und zeitlebens krank blieb. Während der Haft erlitt er schwere Herzanfälle und wurde deshalb als „Todeskandidat" aufgegeben und entlassen. Er blieb schwer krank bis an sein Lebensende und erblindete kurz vor seinem Tod.

Der zuständigen amerikanischen Major Weissenberger machte Haase am 9. April 1945 zum Landrat. Nach zwei Wochen im Amt entließ der nächste Kommandant der Amerikaner Carey entließ Haase wieder. Carey war von Beruf Pfarrer und wollte ausschließlich Christen in Ämtern.

Ein halbes Jahr lang folgte ein deutsch-nationaler Landrat Janson aus Höngeda. Haase meinte dazu:

„Machthaber sind augenblicklich die Deutschnationalen und die Pfaffen und nicht die Demokraten."

Haase wurde nach zwei Monaten wieder als Landrat eingesetzt und stand der Kreisverwaltung vor bis Ende 1948.

Nach eigenen Worten widmete sich Haase in seiner Amtszeit der Behebung der Kriegsschäden. Die materiellen Schäden ließ er erfassen und Waffen und Munition einsammeln oder bergen. Der Landrat ging vor gegen Plünderungen, Diebstahl und Sabotage. Er kümmerte sich um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Wichtig waren ihm die Bereitstellung von Brot, Milch und Kartoffeln. Er versuchte das zivile Leben wieder in Gang zu bringen.

Allerdings kritisierte die Sowjetische Militärregierung in Thüringen die Amtsführung Haases. In einem Schreiben des Verwaltungschefs der Militärregierung an den Präsidenten des Bundeslandes Thüringen wird Haase vorgeworfen, er habe keine Autorität in der Bevölkerung, er arbeite nicht zusammen mit den antifaschistischen Komitees, besetze Posten mit Nazis und kümmere sich nicht um das Krankenhaus. Allerdings bittet der sowjetische Verwaltungschef den Präsidenten:

„Prüfen Sie diese Fragen gründlich und berichten Sie mir Ihre Ansicht über die Möglichkeit Haase in seinem Amt zu belassen." (3)

Auf der Kreistagssitzung am 18. Dezember 1948 trat Haase als Landrat zurück. Seine Krankheit durch die Misshandlung bei seiner Verhaftung 1933, machte ihm zu schaffen. Der Kreistag wählte mit großer Mehrheit Alfred Eberhard (SED) zum neuen Landrat.

(Das Konterfei Haases stammt aus einem Artikel der Tageszeitung Thüringer Volk vom 27. August 1946. Die Grafik wurde für die Archivalie des Monats stark vergrößert.)

 

Michael Zeng

 

       (1) Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation – eine Art Unterorganisation der NSDAP in Betrieben und Werken, die sich dort an der Zerschlagung der Gewerkschaften beteiligte.

  (2) Aus einem Lebenslauf, der vermutlich zu einem Bericht gehörte, den Haase für den „Herrn Ortskommandanten der Besatzungstruppen" anfertigen musste. Sonst kein Name, kein Datum.

  (3) Das Schreiben ist datiert auf den 1. März 1946 in Weimar. Zur Verfügung stellte uns das Dokument Professor Dr. Jürgen John von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

 

 

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